Lokstoff! nimmt sich die Freiheit, dort zu spielen, wo das Leben ist!

Wer wir sind und was wir tun

LOKSTOFF! wurde 2002 von Wilhelm Schneck, Kathrin Hildebrand, Andrea Léonetti und Paul Varkonyi gegründet. Die Schauspieler Schneck, Hildebrand und Léonetti haben auch heute die künstlerische Leitung inne. Seit 2009 wird Diese durch Alexa Steinbrenner ergänzt. Der Sitz ist in Stuttgart, und seit 2004 ist LOKSTOFF! ein eingetragener, gemeinnütziger Verein.

Entsprechend den spezifischen Anforderungen der jeweiligen Projekte wird das Team ergänzt durch internationale Kolleginnen und Kollegen, Regisseure, bildende Künstler, Architekten, Grafiker und Kreative anderer Berufsgruppen.

Wir verstehen uns als offenes und engagiertes Kollektiv. Unsere Themen kreisen um die Probleme und Herausforderungen einer urbanen Gesellschaft, die der Gefahr ausgesetzt ist, dass sich die Menschen zunehmend voneinander, ihrer Arbeit und dem öffentlichen Raum entfremden. Lokstoff! spielt nicht nur im und für, sondern auch über den öffentlichen Raum. Wir thematisieren den öffentlichen Raum in seiner politischen, kulturellen und urbanen Dimension, um den Zuschauer für die Fragestellung zu sensibilisieren und zum Nachdenken einzuladen. Das Spielen im öffentlichen Raum dramatisiert also nicht nur Orte der Öffentlichkeit, sondern schärft das Bewusstsein über den Stellenwert und die Bedeutung von Öffentlichkeit und öffentlichem Raum für ein funktionierendes Gemeinwesen. Als solches betrachtet sich Lokstoff! als gesellschaftlich engagiertes Theater, das sich für die Bewahrung und Stärkung des öffentlichen Raums einsetzt.

Wir suchen konkrete Orte, die den zeitgenössischen urbanen Alltag spiegeln, wo Architektur und Infrastruktur das Leben bündeln und Menschen aufeinander treffen. Die Orte werden atmosphärisch durch die Aufführung verdichtet. Realität, Fiktion und Interaktion verflechten sich. Der konkrete Ort mit seinen Menschen schreibt das Drehbuch jeder Aufführung mit, er ist der Antrieb und die Lokomotive. Die Wahrnehmung des öffentlichen Raums wird für den Zuschauer und für den Passanten nachhaltig verändert.

Die Orte werden in der Regel so bespielt, wie wir sie vorfinden. Wir bauen keine Kulissen und verzichten auf zusätzliches Licht. Die Proben und Vorstellungen im öffentlichen Raum machen auch Menschen auf uns aufmerksam, die selten ins Theater gehen. Viele Passanten kommen als Zuschauer wieder. Insbesondere junge Menschen fühlen sich oft durch die ungewöhnlichen Orte und die direkte Aktion angesprochen.

Unser Ziel ist es, die Produktionen so lange wie möglich zu spielen, so dass sie im Stadtbild als Realität bestehen. So spielen wir unsere Stücke im Schnitt 50 Mal über einen Zeitraum von 2-3 Jahren. Seit 2003 haben wir 11 Produktionen im öffentlichen Raum realisiert und über 55.000 Zuschauer erreicht.

Zusätzlich realisiert Lokstoff! Projekte zur künstlerischen Entwicklung von Stadtvierteln, arbeitet mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund und spielt seine Stücke auch in speziellen Aufführungen für blinde und sehbehinderte Menschen.

Die erfolgreichen Produktionen seit der Gründung von LOKSTOFF! konnten nur realisiert werden, weil eine Vielzahl von unermüdlichen Unterstützern, Partnern und Helfern dazu beigetragen hat; weil sich die Verantwortlichen der spannendsten Räume der Stadt auf das Experiment Theater im öffentlichen Raum eingelassen haben; und weil Förderer das Konzept unterstützen und helfen, die Produktionen zu finanzieren.

Grundlagen

Jedes Nachdenken über das Thema des öffentlichen Raums muss bei dem Werk des amerikanischen Soziologen Richard Sennett "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität" ansetzen.

Die Horizontalspannung
Als "Horizontalspannung" bezeichnen wir die Innen-Außen-Spannung zwischen Privatraum und öffentlichem Raum. Wir gehen davon aus, dass eine lebensfähige und lebenswerte städtische Gemeinschaft und Kultur nur auf dem Gleichgewicht dieser Räume beruhen kann. Wenn die Balance zwischen Privatheit und Öffentlichkeit nicht mehr stimmt, und die Menschen sich in den Privatraum zurückziehen, führt dies zu einer "Rückkehr ins Stammesleben", einem Auseinanderdriften der Gesellschaft in eine Vielzahl von geschlossenen Gesellschaften, die keinerlei Begegnungsraum mehr verbindet. Der Fremde außerhalb der bekannten Sphäre wird damit potenziell zur Projektionsfläche von Ängsten und Phantasien.

Die Vertikalspannung
Das von Peter Sloterdijk in seinem Buch "Du musst dein Leben ändern" entwickelte Konzept der "Vertikalspannung" beschreibt Zustände, in denen Individuen sich unter einen hohen Anspruch stellen und durch Übung aktiv daran arbeiten, zu wachsen.

Der Körper der Stadt
Michel Foucault beschreibt in "Der utopische Körper", dass die Vorstellung meines Körpers als einer mir wahrnehmbaren Ganzheit die eigentliche Utopie, also unvorstellbar ist. Da ich keinerlei Außensicht auf ihn habe, nehme ich meinen Körper nur in Fragmenten wahr. Das gleiche gilt für den Körper der Stadt. Sie ist für mich nur in Fragmenten (in einzelnen Stadtteilen) erfahrbar. Der Körper der Stadt in seiner Ganzheit ist nicht erfaßbar. So, wie ich meinen Körper nur fragmentarisch ertasten und erfahren kann, muss der Körper der Stadt in seinen einzelnen Teilen erkundet und "abgetastet" werden.

Resümee
Die Horizontalspannung thematisiert das Innen und Außen im öffentliche Raum. Die Vertikalspannung thematisiert den Menschen in seinem Bemühen zu wachsen. Der Körper der Stadt ist die Sphäre, innerhalb derer sich Horizontalspannung und Vertikalspannung treffen.

Diese drei Aspekte lassen sich in dem einfachen Satz zusammenführen: Wo leben wir, wie leben wir, was wollen wir? Das "Wo" ist der Körper der Stadt als Ganzheit, die sich aus zahlreichen Orten als ihren Teilen zusammensetzt. Das "Wie" stellt sich in Innen-Außen-Verhältnissen dar. Das "Was" stellt sich in Wertebezogenen Oben-Unten-Verhältnissen dar. In unserer Arbeit geht es uns darum, diese drei Aspekte theatral erfahrbar zu machen.

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