Über das Stück
„NACHTSCHICHT - eine Reise durch die Stadt“ lädt ein zu einer besonderen Fahrt in einem Linienbus durch die Nacht. Wir begeben uns gemeinsam auf die Suche nach Menschen, deren Wirken oft im Verborgenen bleibt, aber unser aller Leben trägt. Wir kennen sie aus Erzählungen, Comics und Filmen: Figuren mit Superkräften, die die Welt retten und das Böse besiegen. Doch wer sind die Held*innen unserer Gegenwart?
„NACHTSCHICHT“ richtet den Blick auf die unsichtbaren Kräfte des Alltags. Pflegekräfte, Dienstleistende, Eltern, Ehrenamtliche – Menschen, die selten im Rampenlicht stehen, deren Arbeit aber unsere Städte am Leben hält. Ihre Geschichten stehen im Zentrum dieser nächtlichen Reise. Der Linienbus wird zum Resonanzraum für Stimmen, Klänge und Poesie. Auf der Fahrt durch die Stadt, vorbei an Orten des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Fürsorge, finden Begegnungen mit Geschichten, Perspektiven und Erfahrungen statt, die den Blick auf unsere Gesellschaft herausfordern und verändern. Das Publikum erlebt eine urbane Collage – fragmentarisch, lebendig, überraschend wie die Stadt selbst.
Immer wieder steigen Held*innen dieser Stadt zu - als Gäste, als Erzähler*innen, als Expert*innen des Alltags und immer wieder trifft man auf der Reise auf zwei alternde Superheldenfiguren, Batman und Herakles, die auf der nächtlichen Reise anecken und herausgefordert werden. Mit Ironie und Nachdenklichkeit brechen sie vertraute Bilder auf und stellen Fragen: Was bedeutet es heute, mutig zu sein? Wer verdient Anerkennung? Haben wir noch einen Platz in dieser Welt? Können wir damit umgehen, nicht mehr unantastbar zu sein? Brauchen wir überhaupt noch Held*innen – oder ganz andere Narrative? In einer Zeit der Krisen lädt „NACHTSCHICHT - eine Reise durch die Stadt“ dazu ein, die leisen Kräfte zu sehen, die uns tragen – um wieder miteinander ins Gespräch zu kommen.
Wir glauben daran, dass unsere Stadt durch ganz viele unterschiedliche Held*innen getragen wird. Wenn Sie eine Person kennen, die durch ihr ehrenamtliches Engagement für Sie ein*e Held*in ist, schreiben Sie uns gerne - wir versuchen möglichst viele unterschiedliche Perspektiven zu Wort kommen zu lassen!
Anmerkung:
Wir gendern den Begriff „Held“ bewusst nicht, wenn es um das klassische Heldenbild geht. Historisch wie gegenwärtig dominiert dieses männlich geprägte Bild, das vor allem Körperkraft, Gewalt und Dominanz betont. Weibliche Figuren – von Atalante in der Antike bis zu Wonder Woman in der Popkultur – existieren zwar, prägen das Bild aber nur punktuell. Das kollektive Held*innentum, wie wir – das Team von NACHTSCHICHT – es verstehen, wird hingegen gendergerecht formuliert.
„I think a hero is any person really intent on making this a better place for all people.“ Maya Angelou
Team + Dank
Regie: Bianca Künzel
Dramaturgie: Paulina Mandl
Text: Alexander Steindorf
Ensemble: Kathrin Hildebrand, Sebastian Schäfer, Wilhelm Schneck und Gäste (Zohra Anwari, Iolanda Carrozzo, Nina Eck, Casjupea Knispel, Mischa, Patricia Söltl, Katharina Wolf)
Kostüme: Maria Martínez Peña
Produktionsleitung: Nicola Merkle
Technik: Oliver Cordes
Musik: Judith Haustein, Simon Kubat, Sebastian Schäfer
Sounddesign: Jörg Kersting, Studio listen!
Regieassistenz: Carla Kleffner
Kostümassistenz: Marcia Siegel
Busfahrer: Andreas Gündel
Premiere 26. September 2025
Danke an Hafen Stuttgart GmbH und Friedrich Müller Omnibusunternehmen GmbH für die Unterstützung!
Helden?
Superhelden faszinieren seit Jahrzehnten. Sie verkörpern Kraft, Mut und die Hoffnung, dass am Ende das Gute siegt. Doch wenn wir genauer hinschauen, wird deutlich, dass das klassische Heldenbild nicht so unproblematisch ist, wie es auf den ersten Blick wirkt. Gerade in Bezug auf Propaganda, Männlichkeitsbilder und radikalen Individualismus stellen sich Fragen, die heute schwerer wiegen als früher. Dieses Muster ist keineswegs neu. Schon in der griechischen Antike wurden Figuren wie Herakles gefeiert, die durch übermenschliche Kraft und einsame Taten Ungeheuer besiegten oder Prüfungen meisterten. Auch er stand für ein Heldentum, das auf Individualismus, Gewalt und körperlicher Überlegenheit beruhte. Dass sich moderne Superhelden wie Superman oder Batman in diese Tradition stellen, zeigt, wie tief dieses Bild in unserer Kultur verankert ist. Aber es macht auch sichtbar, wie wenig sich an den Grundmustern verändert hat.
Ein Blick auf die Forschung verdeutlicht, wie problematisch das heute ist. Superhelden treten oft als Einzelkämpfer auf, die jenseits demokratischer Strukturen handeln. Sie lösen Konflikte, indem sie das „Böse“ im Alleingang besiegen – eine Logik, die an Propaganda erinnert: komplexe Probleme werden vereinfacht, Zweifel und Grautöne verschwinden, und am Ende triumphiert der eine starke Akteur.
Hinzu kommt das Männlichkeitsbild, das diese Figuren transportieren. Studien zu Superheldenfilmen zeigen, dass Helden wie Bösewichte gleichermaßen über Härte, Körperkraft und Gewalt definiert werden. Emotionale Verletzlichkeit, Fürsorge oder Zusammenarbeit tauchen dagegen kaum auf. Das Heldenbild wird so eng mit hegemonialer Männlichkeit verknüpft, dass alternative Vorstellungen von Stärke – etwa in Solidarität oder Empathie – unsichtbar bleiben.
Besonders deutlich wird diese Tendenz in Filmen wie Christopher Nolans Dark Knight-Trilogie. Batman erscheint dort als eine Art moderner Cowboy: paternalistisch, autoritär und ausgestattet mit unbegrenzter technischer Macht. Er vermittelt das Gefühl, dass Sicherheit nur durch einen starken Einzelnen gewährleistet werden kann. Demokratische Institutionen wirken dagegen langsam, schwach oder sogar hinderlich.
All das wirft die Frage auf, ob wir uns heute überhaupt noch an klassischen Heldenfiguren orientieren sollten. Brauchen wir wirklich Helden, die uns vorgeben, dass Stärke nur in Gewalt, Männlichkeit und Individualismus zu finden ist? Oder brauchen wir neue Geschichten, die Mut, Hoffnung und Widerstandskraft auf vielfältigere Weise erzählen – Geschichten, in denen kollektives Handeln, Fürsorge und Vielfalt im Mittelpunkt stehen?
Batman trifft Herkules: Spiegel unserer Krisen
Welche Heldenfigur wärst du gerne? Der dunkle Rächer Batman, jene 1939 geborene Mischung aus Zorro, Dracula und Sherlock Holmes? Eine traumatisierte menschliche Comicfigur, die mit Wissenschaft und grenzenlosen Mitteln einen Mythos aus Gewalt, Maschine und Willen etabliert? Oder eher der Halbgott Herakles, besser bekannt als Herkules? Die über zweitausend Jahre alte ikonische Verkörperung männlich gelesenen Heldentums, dessen grausame und dramatische Geschichte kaum noch jemand kennt? Vielleicht wählen Heldenfiguren sich uns Menschen aus, als Spiegel von fantastischen Klischees inmitten einer komplexen Auslegung von Überforderung, Trauma oder Schuldbewältigung. Der dunkle Ritter von Gotham ist in den Comic-Reihen bereits viermal gestorben – und wieder auferstanden, selbstlos leidend, unsere Ängste vor einer düsteren Zukunft auf sich nehmend. Ein oberkörperfreier Mann zwischen zwanzig und fünfzig Jahren, meistens bärtig, leicht angelehnt oder auf eine Keule gestützt, steht seit tausenden Jahren in unzähligen Kunstwerken herum. Das allein ist schon eine Herkulesaufgabe, aber auch das Abbild von Antizipation und Lernfähigkeit der bisherigen menschlichen Krisenbewältigung. In unzähligen Filmen, Serien, Comics, Sagen und Dichtungen haben die beiden stellvertretend für uns gegen Monster ihrer fiktiven Gegenwart gekämpft. Was passiert, wenn die beiden in unserer Realität hinter das Abbild der eigenen Projektion geraten? Orientieren sie sich dann selbständig, wir sie, sie uns – oder wir uns?
Held*innen?
Der klassische Held war immer eine Ausnahmefigur: stärker, mutiger, überlegener als alle anderen. Von Herakles in der Antike bis Batman im Comicuniversum verkörpern Helden die Idee, dass nur ein Einzelner – ausgestattet mit übermenschlichen Kräften oder unerschütterlicher Autorität – die Gesellschaft retten könne. Dieses Narrativ ist tief in unserer Kultur verankert, doch es steht in Spannung zu den Werten einer demokratischen Gesellschaft. Denn Demokratie lebt nicht von der Tat eines Einzelnen, sondern vom Aushandeln, vom Teilen von Verantwortung, vom kollektiven Handeln. Der heroische Alleingang wirkt hier nicht als Lösung, sondern als Problem: Er verdrängt Vielfalt, schwächt das Vertrauen in Institutionen und nährt die Illusion, dass komplexe Krisen durch „den einen Richtigen“ gelöst werden könnten. In der Realität sind es jedoch Netzwerke von Menschen, die Gesellschaft tragen – sichtbar in den unzähligen Alltagskräften, die Pflege leisten, Versorgung sichern oder ehrenamtlich Räume des Zusammenhalts schaffen.
Wenn wir stattdessen ein kollektives Held*innentum ins Zentrum rücken, öffnen wir die Möglichkeit für eine neue Art von Narrativ: eines, das nicht auf Ausschluss, Macht oder Gewalt beruht, sondern auf Zusammenarbeit, Fürsorge und Resilienz. Dieses Bild ist nicht nur gesellschaftlich verträglicher, es ist auch erfolgversprechender. Denn in einer Zeit globaler Krisen – Klimawandel, Pandemien, soziale Ungleichheit – sind es nicht die einsamen Heldenfiguren, die Antworten bieten können, sondern die Fähigkeit, gemeinsam zu handeln.
Die Abkehr vom klassischen Heldenbegriff bedeutet daher nicht, Mut oder Stärke aufzugeben. Sie bedeutet, sie neu zu definieren: als Mut zur Kooperation, als Stärke im Miteinander. Nur wenn wir diese leisen Kräfte sichtbar machen, können wir ein Narrativ entwickeln, das unserer demokratischen Gegenwart gerecht wird – und unserer Zukunft eine tragfähige Grundlage gibt.
Recherche/Links
Video:
Cosplay! Warum boomt der Kostümtrend aus Japan?
Podcast:
Was Menschen zu Helden macht – Von Herakles bis Greta Thunberg
Artikel:
Superman – Warum wir Helden brauchen
Moderne Helden: Menschen, die zum Vorbild dienen
Bis 2049 fehlen mehr als eine viertel Million Pflegekräfte
Institutionen:
Klinikum der Landeshauptstadt Stuttgart gKAöR
– Friedrich Müller Omnibusunternehmen GmbH
DKMS – Deutsche Knochenmarkspenderdatei
Projektförderung
Gefördert von:
Stadt Stuttgart
Landesverband Freie Tanz- und Theaterschaffende Baden-Württemberg (LaFT BW) e.V.
Berthold Leibinger Stiftung
Hanns. A. Pielenz Stiftung
Dr. Roland und Brigitte Schmid Stiftung
Kästner Optik